Kanzler Stocker wird am Parteitag mit 98,42 Prozent als ÖVP-Chef bestätigt

Bundeskanzler Christian Stocker beim ÖVP-Bundesparteitag am Samstag in Wiener Neustadt.
APA/MAX SLOVENCIK

Christian Stocker hat das Talent, seine Gefühle für sich zu behalten. Wenig Mimik, er gestikuliert auch kaum. Jetzt aber hat er leicht feuchte Augen, er wirkt fast: gerührt.


Vor 83 Tagen habe er zu seiner eigenen Überraschung die Partei übernommen, sagt die Moderatorin auf der Bühne der Halle drei in der Arena Nova in Wiener Neustadt. “Jetzt ist nichts mehr überraschend”, ruft sie und heißt ihn willkommen, den am wenigsten erwarteten Bundeskanzler in der Geschichte Österreichs. Stocker steht auf, winkt kurz in den überfüllten Saal, lächelt – fast schüchtern. Ein Mann der großen Show ist er nicht.


Betreten hatte Stocker den Saal ohne Musik, ohne Ankündigung, pünktlich – zwischen anderen eintrudelnden Gästen war er plötzlich da. Die Kunde, dass der Kanzler angekommen ist, verbreitete sich nur langsam im Saal. Es dauerte ein paar Minuten, bis dann alle, die schon saßen, aufgestanden waren und zur Begrüßung klatschten.


Nehammer bedankt sich bei seiner Frau und Kurz

Es ist Samstagnachmittag, rund 2000 Gäste sind ins verregnete Wiener Neustadt gereist, Stockers Heimatstadt. Der Parteitag wurde organisiert, um ihn offiziell zum ÖVP-Obmann zu küren. Bisher war er nur “geschäftsführender” Parteichef, nachdem vor drei Monaten das höchste Parteigremium der ÖVP eine völlig unerwartete Entscheidung traf, und ihn zum Chef bestellte.


Als erster Hauptredner tritt Karl Nehammer ans Rednerpult. Er hält eine laute, emotionale Ansprache, bedankt sich bei seiner Frau Katharina, der “Liebe seines Lebens”, bei ÖVP-Klubchef August Wöginger, seinem Freund, der ihn förderte – und dann bei Sebastian Kurz. Kurz, der ebenfalls anwesend ist, habe Nehammer als Generalsekretär in die Bundespolitik geholt, aber vor allem: die Partei zu einer breiten Bewegung gemacht, Sensationserfolge erzielt. Kurz sitzt in der ersten Reihe, wirkt vom Lob überrascht. “Danke”, lässt sich von seinen Lippen ablesen.

Kanzler Christian Stocker und Ex-Kanzler Karl Nehammer sitzen am Parteitag nebeneinander. Stocker einst zum Generalsekretär zu machen, sei eine von Nehammers besten Entscheidungen gewesen, meint der.
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Eine seiner “besten Entscheidungen”, sagt Nehammer, sei es gewesen, Christian Stocker zum Generalsekretär zu ernennen. Stocker habe immer “gekämpft”, in den Verhandlungen habe er “Durchhaltefähigkeit” bewiesen. “Du bist einer der bestgeeigneten Männer zur richtigen Zeit”, ruft Nehammer am Ende seiner Rede. “Alles Gute!” Nehammer bekommt Standing Ovations.


Marchetti: FPÖ sei ein “Aasgeier”

Währenddessen betritt Stocker die Bühne und übergibt Nehammer ein Bild. “Danke”, steht in großen Lettern darauf. Er hat zwar keinen Gegenkandidaten, die Latte für die parteiinterne Wahl hängt dennoch hoch. Nehammer ist 2022 mit 100 Prozent der Stimmen zum Obmann gewählt worden. Sebastian Kurz bekam Jahr 2017 98,7 Prozent der Stimmen, Reinhold Mitterlehner einst 99,1.


Vor Stockers Rede betritt auch noch Nico Marchetti die Bühne, der neue Generalsekretär der ÖVP. “Wir werden liefern”, verspricht er seinen Parteifreunden. “Die freiheitliche Partei ist der Aasgeier der österreichischen Innenpolitik”, meint er. So sei die ÖVP nicht. Die Volkspartei agiere zwar handwerklich auf Augenhöhe mit der FPÖ, aber “nicht wie die FPÖ”. Er wolle die politische Auseinandersetzung “mit feiner Klinge” und “ohne Schlammschlacht” führen.


Klubchef Wöginger wird danach auf der Bühne von der Moderatorin befragt – auch zu den Verhandlungen mit der FPÖ. Irgendwann habe Kickl seine Vorstellungen fürs Innenministerium dargelegt. “Gust, ich kann das nicht tun. Vielleicht kann es ein anderer tun”, habe Stocker danach zu Wöginger gesagt, erzählt der. “Nein”, habe Wöginger geantwortet, “das kann auch kein anderer tun”. Außerdem, meint Wöginger, habe Kickl in Wahrheit gar nie Kanzler werden wollen.


Unaufgeregt launige Rede, programmatisch ist sie nicht

Stocker hält dann ein unaufgeregte, an mehreren Stellen launige Rede, programmatisch ist sie nicht. Mehr resümiert der Kanzler die vergangenen Wochen und Monate. Ein paar Wuchteln für die Funktionärsschaft hat er vorbereitet. Sei Vater habe etwa einen Vergleich gezogen, was die Wahrscheinlichkeit betrifft, dass Stocker Kanzler wird: “Da gewinnt eher der SC Wiener Neustadt die Champions League”, zitiert ihn Stocker auf der Bühne. Gelächter.


Über Kickl sagt Stocker: Es sei von Minute zu Minute klarer geworden, dass es nicht gehe mit jemandem, der die Zukunft nicht in der freien westlichen Welt sehe. Eine Bemerkung habe ihn besonders “betroffen” gemacht. Kickl habe gesagt: “Ich will mit der ÖVP regieren, aber nicht wie die ÖVP”. Doch für die Regierungstätigkeit der ÖVP müsse man sich nicht genieren, meint Stocker.


Stocker: Verfassung sei nicht dazu da, Kriminelle zu schützen

Dann referiert er die Erfolge der ÖVP im Regierungsprogramm: attraktives Arbeiten im Alter, Überwachung von Messenger-Diensten, Sky Shield, Mitwirkungspflicht von Eltern in Schulen, Integration ab Tag eins und einiges mehr. Ein paar scharfe Ansagen hat er auch parat: Das Recht müsse “vom Volk ausgehen, nicht von der Religion”. Und: Die Verfassung sei dazu da, Bürger vor dem Staat zu schützen und nicht “Kriminelle vor der Verfolgung”.


Als Kanzler wie auch ÖVP-Chef, schließt er seine Ansprache, wolle er “das Richtige tun”. Das Motto der Veranstaltung lautet: “Neue Wege – richtige Entscheidungen.”


Neben Stocker werden am Samstag auch dessen Stellvertreterinnen und Stellvertreter gewählt: Oberösterreichs Landeshauptmann Thomas Stelzer, die künftige Salzburger Landeshauptfrau Karoline Edtstadler, die Tirolerin und EU-Abgeordnete Sophia Kircher sowie die Vorarlberger ÖVP-Klubchefin Veronika Marte.


Um 17.11 Uhr wird das Ergebnis von Stocker verkündet: Mit 98,42 Prozent wird er von den Delegierten als Parteichef bestätigt. (Katharina Mittelstaedt, 29.3.2025)


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